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Cannabis-Überangebot in Deutschland: Markt unter Druck

Weitwinkelaufnahme eines überfüllten pharmazeutischen Lagers voller Kartons mit Cannabis-Symbolen – symbolisiert das Überangebot und die Lagerkrise im deutschen Medizinal-Cannabis-Markt. Kaltes Industrie-Licht und endlose Reihen zeigen die wachsenden Bestände und sinkende Preise.

Von 420Deutschland ·

Importe steigen um 15%, Preise fallen: Deutschlands Cannabis-Markt erlebt Überangebot. Experten warnen vor Konsolidierung. Alle Fakten zur Marktkrise.

Cannabis-Krise in Deutschland: "Konsolidierung ist unvermeidlich"

Stefan Fritsch von Grunhorn schlägt Alarm: Überangebot bedroht die Existenz zahlreicher Marktteilnehmer

Während Deutschlands medizinischer Cannabis-Markt auf dem Papier boomt – von geschätzten 435 Millionen Euro in 2024 auf prognostizierte über 670 Millionen Euro laut Prohibition Partners – zeichnet sich hinter den Kulissen ein dramatisches Bild ab. Ben Stevens berichtet in seinem aktuellen Artikel für Business of Cannabis von einem massiven Überangebot, das die gesamte Branche unter Druck setzt.

Von Euphorie zu Panik in wenigen Monaten

Stefan Fritsch, Gründer und CEO der Grunhorn-Gruppe, beschreibt gegenüber Stevens eine rasante Trendwende: "Letzten Sommer herrschte Euphorie. Im dritten und vierten Quartal folgte Panik – nicht genug Versorgung", erklärt der Chef eines der größten und etabliertesten Cannabis-Unternehmen Deutschlands. Die Reaktion der Branche sei hektisch gewesen: "Unternehmen brachten eilig mehr Produkte rein, was nun zu Überangebot geführt hat. Bestände nähern sich dem Verfallsdatum."

Die Zahlen, die Stevens präsentiert, untermauern Fritschs Warnung: Im zweiten Quartal 2025 stiegen die Importe um 15 Prozent. Allein zwischen April und Juni wurden 43,3 Tonnen medizinisches Cannabis nach Deutschland importiert – deutlich mehr als die 37,5 Tonnen im ersten Quartal. Die Flut war so massiv, dass die registrierte Importquote von 122 Tonnen bereits im September erschöpft war. Die Behörde BfArM musste reagieren und erhöhte die Quote um weitere 70 Tonnen auf insgesamt 192 Tonnen.

Preisverfall nach Lehrbuch

"Wir sehen es klar in unseren Preisdaten: Die meisten Lieferanten und Apotheken senken ihre Preise", erklärt Fritsch im Interview. Der Grunhorn-Chef beschreibt eine klassische Marktsituation: "Die Anzahl der Produkte am Markt steigt weiter, und das ohne Berücksichtigung des Volumens pro Produkt. Wenn man Produktanzahl gegen Preise aufträgt, bewegen sie sich in entgegengesetzte Richtungen, nahezu im gleichen Tempo. Das ist die klassische Angebots-Nachfrage-Kurve."

Die Konsequenzen sind dramatisch: Tonnen von Cannabis-Beständen liegen in Lagern und nähern sich ihrem Verfallsdatum, während die Margen unter massivem Druck stehen.

Fritschs Einschätzung ist alarmierend: "Wir haben von mehreren großen Herstellern gehört, dass der Juli ein wirklich harter Monat war – sie verfehlten ihre Verkaufsziele. Sie bestätigten auch, dass der August keine Rettung gebracht hat."

"Konsolidierung ist unvermeidlich"

Die Prognose des Grunhorn-CEOs ist eindeutig: "Viele Leute sagen, wenn bestimmte Unternehmen ihre Bestände nicht in Bewegung bringen und nicht zu einem bestimmten Preispunkt verkaufen können, ist Konsolidierung unvermeidlich. Entweder verschwinden sie komplett oder werden von jemand anderem aufgekauft."

Das strukturelle Problem: Die Middlemen

Als einen der Hauptgründe für die Marktinstabilität identifiziert Fritsch die wachsende Präsenz von Zwischenhändlern ohne echte Marktverankerung. "Meiner Meinung nach ist eines der größten Probleme, dass viele Marktteilnehmer einfach Middlemen sind. Sie sind keine Grower. Sie haben keine direkte Verbindung zum Patienten. Sie können von überall Produkte beziehen und reinbringen, aber dieser Disconnect verschlimmert das Problem... es lässt sie den tatsächlichen Markt nicht verstehen", kritisiert der Branchenkenner.

Fritsch warnt vor den Folgen dieser Konstellation: "Wenn jemandem gesagt wurde: 'Erreiche dieses Millionen-Dollar-Verkaufsziel und wir zahlen dich aus', und die Person hat unbegrenzten Supply aber keine B2C-Beziehung – das wird zu einer volatilen Situation führen. Ich denke, die nächsten Quartale werden wild, weil viele verschiedene Druckfaktoren gleichzeitig zusammentreffen."

Seine Einschätzung ist drastisch: "Diese Middlemen versuchen, so viel Cash wie möglich aus dem Markt zu ziehen, aber sie werden gequetscht werden. Wir werden Konsolidierung sehen, und irgendwann wird der Hype verblassen. Einige Unternehmen werden aufhören, mit großen Behauptungen zu kommen wie 'Wir werden den Markt dominieren, weil wir nächsten Monat launchen.' Wenn sich der Staub gelegt hat, wird es wieder Business as usual."

Der Apotheken-Flaschenhals verschärft die Situation

Stevens berichtet, dass die Anzahl der Cannabis-verkaufenden Apotheken zwar von wenigen im Jahr 2017 auf Hunderte heute gewachsen ist, das Wachstum sich aber verlangsamt. Fritsch bestätigt: "Mehr Apotheken dispensieren Cannabis, aber dieses Wachstum verlangsamt sich. Wer in den Cannabis-Bereich einsteigen wollte, tat es wahrscheinlich letztes Jahr. Währenddessen kommen weiter neue Produkte."

Das Problem liegt laut Fritsch in der Komplexität des Prozesses: "Cannabis ist kein fertiges Produkt. Apotheken können es nicht einfach kaufen und verkaufen. Sie müssen es kaufen, inspizieren, Labortests durchführen, neu verpacken, viel Papierkram erledigen – und erst dann können sie es versenden."

Besonders alarmierend: Stevens weist darauf hin, dass in Deutschland jährlich mehr Apotheken schließen als neue öffnen, hauptsächlich aus finanziellen Gründen. Fritsch ergänzt: "Jede Online-Apotheke muss eine physische Präsenz haben."

Der Grunhorn-Chef sieht bereits jetzt die Grenzen: "Grunhorn sieht bereits, dass wir mehr Output von Apotheken brauchen, aber die Rate neuer Apotheken, die in den Bereich einsteigen, verlangsamt sich bereits." Seine Warnung ist deutlich: "Viele Apotheken betreiben bereits Online-Geschäfte und können trotzdem nicht überleben. Wenn man Cannabis-Verkäufe wegnimmt, besonders bei spezialisierten Cannabis-Apotheken, werden sie verschwinden."

Fritschs Fazit: "Angesichts dieser Bottlenecks sehe ich nicht, wo der zusätzliche Market-Output herkommen soll, besonders da sich die Rate neuer Apotheken, die in den Bereich einsteigen, bereits verlangsamt."

Kanadische Importe dominieren

Stevens berichtet, dass etwa die Hälfte aller Cannabis-Produkte auf dem deutschen Markt mittlerweile aus Kanada stammen – günstige, hochwertige EU-GMP-zertifizierte Importe. Obwohl das Cannabisgesetz (CanG) den Weg für inländischen Anbau geebnet habe, sei dieser grundsätzlich noch nicht wirtschaftlich rentabel, so der Autor.

Grunhorns Gegenstrategie

Im Gegensatz zu vielen Intermediären hat Grunhorn laut Stevens ein diversifiziertes Framework aufgebaut, das Patientenversorgung, Ärztenetzwerke und pharmazeutische Logistik unter einem Dach vereint. Fritsch erklärt den Ansatz: "Bei Grunhorn haben wir uns darauf fokussiert, direkte Beziehungen zu Patienten und Ärzten aufzubauen, was uns hilft, mit den echten Marktbedürfnissen verbunden zu bleiben. Deshalb bleibt unser Ansatz auch in Zeiten des Überangebots resilient."

Bewährungsprobe für die gesamte Branche

Stevens zieht in seinem Bericht ein nüchternes Fazit: Die am stärksten gefährdeten Akteure – Importeure ohne inländische Wurzeln, umsatzgetriebene Middlemen und Apotheken unter regulatorischem und operativem Druck – müssen nun mit den Konsequenzen eines Marktes leben, der seine Infrastruktur überwachsen hat.

Die entscheidende Frage, die der Autor aufwirft: Wird Deutschlands Cannabis-Industrie über ihre derzeitige Abhängigkeit von importiertem Supply und intermediärgesteuerter Distribution hinauswachsen können? Oder wird Konsolidierung die unvermeidliche Korrektur eines Marktes sein, der schneller expandiert ist, als er nachhaltig tragen kann?

Quelle: Dieser Artikel basiert auf dem Bericht "Why is No One Talking About Germany's Oversupply Problem?" von Ben Stevens, erschienen am 5. November 2025 auf Business of Cannabis. Die zitierten Aussagen stammen aus einem Interview mit Stefan Fritsch, CEO von Grunhorn.

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