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Cannabis kommt vielleicht aus Deutschland – und ist viel älter als wir dachten

Cannabis-Blatt als Fossil in Gestein eingebettet mit der Aufschrift „56 Millionen Jahre" – Fund aus Sachsen-Anhalt, Museum für Naturkunde Berlin.

Von 420Deutschland ·

Ein Fossil aus dem Naturkundemuseum Berlin könnte beweisen: Cannabis ist viel älter als gedacht – und stammt womöglich aus Deutschland, nicht aus China.

Cannabis kommt vielleicht aus Deutschland – und ist viel älter als wir dachten

Vor ein paar Tagen hat das Museum für Naturkunde Berlin eine Pressemitteilung veröffentlicht, die in der Wissenschaftswelt für ziemlich hochgezogene Augenbrauen gesorgt hat. Der Grund: Ein Fossil aus der eigenen Sammlung könnte die Geschichte der Cannabispflanze komplett neu schreiben. Und das Verrückteste daran? Das Ding liegt seit über 140 Jahren im Regal.


Ein Blattabdruck, der alles auf den Kopf stellt

Was die Forschenden bei der Durchsicht ihrer Sammlung entdeckten, war kein glamouröser Neufund aus einer Expedition – sondern ein schlichter Blattabdruck in versteinertem Schlamm, der bereits 1883 vom Botaniker Paul Friedrich beschrieben und als Cannabis oligocaenica katalogisiert worden war. Oligozän, also etwa 23 bis 34 Millionen Jahre alt – so stand es im Namen, so stand es in den Akten.

Bis jetzt.

Neuere Alterseinstufungen zeigen nämlich: Das Fossil stammt gar nicht aus dem Oligozän, sondern aus dem unteren Eozän – einem Zeitabschnitt von vor ungefähr 56 bis 48 Millionen Jahren. Das macht es deutlich älter als alle bisher bekannten Nachweise der Pflanzengattung Cannabis. Und der Fundort? Die Nähe von Eisleben in Sachsen-Anhalt.

Deutschland, also. Nicht China. Nicht Zentralasien.


Was bisher als gesichert galt

Um zu verstehen, warum das so eine Ansage ist, muss man kurz wissen, was Wissenschaftler bislang angenommen haben.

Die heute verbreitete Art Cannabis sativa gilt seit Langem als Kind Nordwestchinas. Älteste Pollenanalysen aus dem Miozän – also vor rund 20 Millionen Jahren – zeigten auf diese Region als natürliches Verbreitungsgebiet. Auch molekulare Datierungen am Erbgut lebender Pflanzen legten nahe, dass die Gattung vielleicht bis zu 28 Millionen Jahre alt sein könnte.

48 bis 56 Millionen Jahre? Das war bisher schlicht nicht auf dem Zettel.

Und ein Fundort in Mitteldeutschland erst recht nicht.


Wie überzeugend ist der Fund wirklich?

Jetzt mal ehrlich: Es ist ein Blattabdruck. Kein DNA-Test, kein vollständiges Exemplar – ein Abdruck in Stein.

Die Forscher des Naturkundemuseums sind deshalb selbst vorsichtig. Für eine eindeutige Zuordnung zur Gattung Cannabis fehlen noch entscheidende Merkmale in der fossilen Überlieferung – zum Beispiel die charakteristischen feinen Härchen auf der Blattoberfläche, die bei heutigen Cannabispflanzen eine Rolle im Abwehrsystem gegen Fressfeinde spielen. Die sind im Fossil schlicht nicht erhalten.

Was aber schon auffällt: Die Form des Abdrucks mit seinen gezackten, lanzettförmigen Blättern erinnert tatsächlich stark an heutige Cannabispflanzen. Die Ähnlichkeit ist da – die Gewissheit noch nicht.

Das Museum selbst schreibt, der Fund werde nun weiter untersucht. Und nennt das Ganze – mit einem Augenzwinkern – ein „High"-light der Sammlungserschließung. Man gönnt sich ja sonst nichts.


Und was ist mit dem menschlichen Gebrauch?

Eine Sache sollte man dabei nicht durcheinanderwerfen: Das Fossil beschreibt die Pflanzengattung als solche – nicht den menschlichen Konsum. Der ist eine völlig andere Geschichte.

Den ältesten bekannten Nachweis von Cannabis als Rauschmittel gibt es aus dem Westen Chinas: Im Pamir-Gebirge fanden Forschende 2019 auf einem rund 2.500 Jahre alten Friedhof Holzgefäße mit verbrannten Cannabisresten – der bislang älteste Beleg für gezieltes Inhalieren.

Angebaut wurde die Pflanze aber schon viel früher. Schätzungen zufolge begann der Mensch vor etwa 12.000 Jahren mit der Kultivierung – für Fasern, Nahrung, Medizin, und vermutlich auch für das, was man heute ein gutes Gefühl nennen würde. Speziell wegen ihrer berauschenden Eigenschaften gezüchtet wurde sie aber erst vor rund 4.000 Jahren, als sie sich über Europa und den Nahen Osten verbreitete.

Und auch in Deutschland hat die Pflanze tiefe Wurzeln: In Eisenberg wurden Cannabissamen gefunden, die auf etwa 5.500 v. Chr. datiert werden – der älteste bekannte Hanf-Fundort hierzulande, aus der Zeit der ersten jungsteinzeitlichen Kulturen.


Was bleibt von diesem Fund?

Noch keine Gewissheit – aber eine richtig spannende Frage.

Wenn sich bestätigt, dass dieses Fossil tatsächlich zur Gattung Cannabis gehört, wäre das ein Paukenschlag: Die Pflanze wäre nicht nur viel älter als gedacht, sondern hätte ihren Ursprung möglicherweise gar nicht in Asien, sondern mitten in Europa. Das würde vieles in der Botanik, der Evolutionsgeschichte und der Pflanzengeografie neu sortieren.

Bis dahin gilt: Ein 140 Jahre altes Sammlungsstück in einem Berliner Museum hat gerade mehr Aufregung verursacht als so mancher Neufund auf dem anderen Ende der Welt. Und das ist eigentlich die schönste Art, wie Wissenschaft manchmal funktioniert – man hebt den Deckel eines alten Regals und findet etwas, das alle Antworten wieder in Fragen verwandelt.


Quellen: Museum für Naturkunde Berlin (Pressemitteilung, 17. April 2026), idw-online.de, MDR Aktuell



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